Besteckmassaker

(TAZ)

Von Robert Hodonyi

Giuseppe Gracia schreibt in seinem Roman „Kippzustand“ von einer Spurensuche in der eidgenössischen Provinz

Am Anfang von Giuseppe Gracias Roman „Kippzustand“ steht der wohl unappetitlichste Amoklauf der Schweizer Literatur. Bewaffnet mit einer Gabel betritt ein nicht mehr ganz junger Mann ein Restaurant in der Provinzstadt Furtnau und veranstaltet ein Besteckmassaker und richtet sich anschließend selbst. Warum? Welches Motiv hatte Luca, ein Sohn italienischer „Gastarbeiter“, für seine Tat?

Ein alter Freund Lucas – es ist der namenlose Erzähler dieses Romans – begibt sich auf Spurensuche. Auch er ist ein Kind der zweiten Generation, sein Vater ist Sizilianer, seine Mutter Spanierin. Fünfzehn Jahre lang hat er Luca nicht gesehen. Er weiß nicht, was seitdem geschehen ist. So viel ist klar: Beide sind geflüchtet, weil sie es in Furtnau keinen Augenblick länger ausgehalten haben – und Luca ist zurückgekehrt und hat versucht in einem Restaurant Leute aufzuspießen. Nach der Beerdigung fragt sich der Erzähler, was den Luca in der Friedhofserde noch mit dem Freund von früher verbindet: Der Luca von gestern „wollte heilen und war ein wacher, kunstvoller Kopf“, während der Luca von heute töten wollte und einen „erhängten, blau angelaufenen Kopf“ hat.

Auch der Erzähler ist zurückgekehrt, obwohl er nie wieder einen Fuß in diese Stadt setzten wollte, in der er zusammen mit Luca im „Quartier“, der Gastarbeiterkolonie, aufgewachsen ist. Kurz vor seiner Abschlussprüfung wurde er wegen einer Bagatelle aus der Lehre geworfen – auch er hätte also Grund, sich zu rächen. Nimmt der Erzähler den gleichen Weg wie Luca?

Zunächst einmal absolviert er einen verbalen Amoklauf. Der innere Monolog des Erzählers ist im sprachlichen Duktus der Kanak-Literatur gehalten: Seine Stadt habe nie etwas anderes hervorgebracht als „Sumpfhänge, Sumpfhälse, Sumpfköpfe“, erregt sich der Erzähler und mokiert sich im Stil eines Feridun Zaimoglu über „Champagner-Demokraten“, „Bordeaux-Räsonneure“ und „Gucci-Pazifisten“. Sein Zorn richtet sich gegen eine saturierte kleinstädtische Idylle – und bei jedem Restaurant, das er passiert, bekommt man es mit der Angst zu tun: Wird es ein zweites Massaker geben?

Die Nähe zur Kanak-Literatur ist natürlich nicht zufällig. Luca und der Erzähler stehen für eine Generation, die mit den „Heimwehgesichtern“ ihrer Eltern ebenso wenig anfangen können wie mit dem provinziellen Milieu ihrer neuen Heimat. „Wenn wir nicht glücklich werden mit euch und euren Milieus, was hält uns denn davon ab, euch unser Unglück in die Fratzen zu schmettern?“, fragt Zaimoglu. Gar nichts hält uns davon ab, würde ihm Gracia wohl antworten. ROBERT HODONYI


Giuseppe Gracia: „Kippzustand“. Nagel & Kimche, Zürich 2002, 93 S., 13,30 €

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