Der Begriff „Angst“

(TAZ)

Eine düstere Geschichte voller Rätsel: Giuseppe Gracias Roman „Santinis Frau“

Von Andreas Resch

Der Keller des Gadamerhauses, in dem sich die Freunde Santini, Sofia und der namenlose Erzähler mehrmals in der Woche treffen, ist ein guter Ort zum Geschichtenerzählen, Rauchen und Trinken. Doch hinter dem vermeintlichen Idyll verbirgt sich ein namenloser Schrecken: „Immer schon ist dieses Haus das einzig richtige Haus für uns gewesen, auch wenn wir manchmal gerannt sind und unter den freien Himmel flüchten mussten, in der Hoffnung, die Angst möge im Keller bleiben.“

Langsam kriecht die Angst hervor, umgibt die Personen wie eine Giftwolke, lässt sie somnambul und fremdgesteuert agieren. Sie ist der Schlüssel, der Zugang verschafft zu den Figuren in „Santinis Frau“, dem dritten Roman des Schweizers Giuseppe Gracia. Mit einem Freund diskutiert der Erzähler immer wieder über Kierkegaards Buch „Der Begriff Angst“: Glücklich, wer sich fürchtet, verloren diejenigen, die ihre Angst nicht kanalisieren können.

Gracia, Jahrgang 1967, hat bereits mit „Riss“ (1995) und „Kippzustand“ (2002) zwei sperrige Texte über Verdrängung, Selbsthass und Schuld veröffentlicht. Die Handlung seines neuesten Buches spielt zur einen Hälfte während der Jugend des Erzählers, zur anderen etwa zwanzig Jahre später. Die einzelnen Kapitel springen auf der Zeitachse wild hin und her. Der erste Erzählstrang handelt von Santini und dem Erzähler, die Tür an Tür im „Quartier“ leben, einem Zuwandererbezirk in einer ungenannten Schweizer Großstadt. Beide sind in Sofia verliebt, was aber nicht zu Konflikten führt, da es in der Dreierbande eine klare Regelung gibt: Sofia gehört beiden und keinem. Doch eines Tages verschwindet Sofia spurlos.
Wichtig sind in diesem Roman die Träume der Figuren. Die Exfreundin träumt vom Erzähler, Santinis Frau von ihrem Mann, der Erzähler von allen. Der Traum, der ihn seit Jahren verfolgt, handelt von einer gesichtslosen Sofia, die er nicht vor dem Verschwinden retten kann. Bisweilen verfließen Traum und Wachzustand zu einer Hyperrealität, in der Wunsch und Wirklichkeit eins werden. Immer wieder weiß der Erzähler nicht, ob sein Gegenüber tatsächlich etwas gesagt hat oder für einen Moment in eine Parallelwelt abgedriftet ist.

Die Sprache in „Santinis Frau“ ist federleicht, beinahe schwebend. In dieser Diskrepanz zur finsteren Handlung liegt die besondere Qualität des Textes. Man ahnt nicht, dass man gerade immer tiefer in einen Strudel von Selbstzerstörung und Wahnsinn hineingezogen wird. Dieser setzt ein – wir sind im zweiten Erzählstrang –, als der Erzähler von Santini erfährt, er habe auf einer Geschäftsreise eine Frau kennen gelernt, die er bald heiraten werde. Sie, im Folgenden nur „Santinis Frau“ genannt, erinnert zwar äußerlich an Sofia, trägt aber stets eine undurchdringliche, ihr innerstes Wesen verschleiernde Maske: „Nie habe ich bei ihr ein Gesicht gesehen, von dem ich hätte sagen können, das sei jetzt aber wirklich ein Gesicht oder wenigstens ein Menschengesicht oder wenigstens das Gesicht von Santinis Frau, ich meine, ein ganz normales wunderbares hässliches Gesicht, wie es bei jeder Person eines Tages zum Vorschein kommt, wenn sie in völliger Bewusstlosigkeit für Sekunden ihre Maske verliert.“

Bald kreisen die Gedanken der beiden Freunde nur noch um die Frage, wie man sie von dieser Maske befreien könnte. Zunächst scheitern sämtliche Bemühungen. Aber vielleicht hat Santini ja mit seiner mysteriösen Geburtstagsüberraschung Erfolg, die er seit Tagen im Keller des Gadamerhauses vorbereitet. In welchem Zusammenhang stehen nun das Rätsel um Sofias Verschwinden und jenes um das maskenhafte Gesicht von Santinis Frau? Es ist wie bei einem David-Lynch-Film: Man erkennt Verbindungen, aber auflösen lässt sich nichts. Sofia und Santinis Frau sind unauflösbar ineinander verknotet. Wie in Lynchs Film „Lost Highway“ bleibt auch hier ungewiss, ob dieser Knoten dem Wahnsinn der Protagonisten geschuldet ist. Oder ob es eine rationale Erklärung für alles geben könnte.


Giuseppe Gracia: „Santinis Frau“. Ammann Verlag, Zürich 2006, 180 Seiten, 18,90 Euro

Schreibe einen Kommentar