„Wie Kuscheltiere unseres schlechten Gewissens“

(Die Tagespost)

Der Schweizer Schriftsteller Giuseppe Gracia wünscht sich, dass in den liberalen Gesellschaften des Westens wirklich Raum für Meinungsvielfalt existiert und eigene Werte verteidigt werden dürfen.

Von Burkhardt Gorissen

Herr Gracia, Ihr gerade erschienener politischer Traktat trägt den Titel „Das therapeutische Kalifat“. Was ist damit gemeint? Die Warnung vor einer Gesinnungsdiktatur?

Es geht um Eliten, die sich aufführen wie Heilpädagogen des sozialen Zusammenhalts. Sie fühlen sich zuständig für unsere Ängste und schlechten Gedanken. Politiker und Medienleute, die nicht nur Staatsgeschäfte und News, sondern auch unser Innenleben lenken wollen.

Wie kann so etwas funktionieren? Wir haben in Europa unabhängige Gerichte, freie Medien …

Theoretisch können Sie sagen, was Sie wollen, das bestreitet niemand. Aber die wenigsten getrauen sich, öffentlich wirklich eigene Gedanken zu vertreten, gegen den medial dominanten linksliberalen Moralismus. Die meisten haben Jobs zu verlieren und wollen in der Nachbarschaft nicht als Leute mit dubioser Gesinnung dastehen.

Woran machen Sie diese Gefahr fest?

Nehmen Sie das Thema Migration, bei dem das Dogma der offenen Grenzen und des Multikulturalismus herrscht. Wer dagegen argumentiert, wird gleich als Rassist gebrandmarkt. Oder das Thema Islam, da gilt das Dogma: Extremisten missbrauchen diese Religion, wenn sie Passanten in die Luft jagen, Karikaturisten erschießen oder Frauen steinigen. Wer den Gedanken äußert, dass dies etwas mit dem Islam selber zu tun haben könnte, gilt als islamophober Scharfmacher.

Als Pressesprecher eines katholischen Bischofs mischen Sie bei diesem Meinungswettbewerb aber auch mit. Was unterscheidet dies von linksliberalen Journalisten, die ihre Agenda positiv präsentieren wollen?

Wenn die Kirche ihre Weltanschauung frei und ohne Zwang vertritt, hat das in einer liberalen Gesellschaft mit verschiedenen Überzeugungen Platz. Medien sollten sich aber nicht als Partei für eine bestimmte Weltanschauung verstehen, sondern möglichst sachlich und kritisch über alle Strömungen berichten. Sie sollten den Pluralismus der Meinungen abbilden, statt das Volk erziehen zu wollen.

Ist die linksliberale Intelligenzija aus Ihrer Sicht zynisch oder einfach nur naiv?

Schwer zu sagen. Ich weiß nur: Im Namen des Kampfes gegen Intoleranz und Rassismus werden heute viele Stimmen dämonisiert, sobald sie sich öffentlich den links-liberalen Ideen widersetzen.

Inzwischen gilt es tatsächlich als schick, jede leise Kritik am Islam als Rassismus zu bezeichnen, wohingegen jede Beleidigung des Christentums als Sieg der Meinungsfreiheit gefeiert wird. Haben wir den kritischen Zustand erreicht, den Nietzsche als „Umwertung aller Werte“ beschrieb? Wenn ja, wie konnte es dazu kommen?

Ich glaube, das hängt mit einer kulturellen Selbstverachtung zusammen. Nicht wenige unserer Politiker, Medienleute oder Kulturschaffende propagieren ein negatives imperialistisches Bild des Westens, als seien wir an allen Übeln der Welt schuld. Das führt dazu, dass wir andere Kulturen und Religionen wie Kuscheltiere unseres schlechten Gewissens behandeln und die eigene Kultur nicht mehr verteidigen.

Zu den Befindlichkeiten im Genderdiskurs oder Feminismus gehört es, jeden Kritiker am medialen Pranger zu martern. In Ihrem Buch legen Sie dar, wie „Säuberung der Sprache“ funktioniert. Wenn von „Säuberungen“ die Rede ist, kommt sofort der Gedanke an die stalinistische oder nationalsozialistische Diktatur. Warum benutzen Sie solche Ausdrücke? Provokation?

Es geht um die Sache. Die Kontrolle und moralische Überwachung der Sprache ist keine Erfindung der Nazis, sondern war stets ein Markenzeichen totalitärer Gesellschaften. In Deutschland oder Schweden ist ja die Sprach- und Gesinnungspolizei ziemlich fleißig. Hate Speech und Hate Crime sind die dazu passenden Kampfparolen.

Sie verstehen sich als christlicher und katholischer Moralist. Gegenwärtig erleben wir nicht nur, wie sich die westliche Demokratie in einer schweren Sinnkrise befindet, sondern auch die katholische Kirche. Wie ist sie da hineingeraten? Läuft sie Gefahr, Jesus zu verleugnen?

Westeuropa wird beherrscht von einem praktisch-technischen Atheismus der Optimierung, einer immer rastloseren Pendelbewegung zwischen Leistung und Konsum. Davon wird auch die Kirche nicht verschont. Mit einer Anbiederung an den Zeitgeist kann sie aber gerade keinen Raum mehr schaffen für Gott, Transzendenz und Spiritualität.

Und wie kommt die Kirche aus dieser Krise wieder raus?

Jedenfalls nicht, indem sie auf die eigene Institution fokussiert, auf diese oder jene Reform der kirchlichen Lehre oder Ordnung. Sondern eher, indem sie sich um die tatsächlichen Nöte und Kämpfe der Menschen da draußen kümmert, die dem Sog von Globalisierung und Digitalisierung ausgesetzt sind. Auch könnte die Kirche, statt ihre Sexualmoral auf dem Altar der Mehrheitsfähigkeit zu opfern, den Jugendlichen dabei helfen, Widerstand zu leisten gegen die überall zu beobachtende Banalisierung und Entwürdigung der menschlichen Sexualität zum sportlichen Hobby und zum Konsumprodukt.

Wer Ihr Buch liest, bekommt den Eindruck, dass manches, von dem Sie schreiben, in dieser Art in Deutschland der Schere im Kopf eines Redaktors oder Lektors zum Opfer gefallen wäre. Vielleicht haben Sie als Schweizer einen unbehelligteren Blick auf Deutschland. Wie sehen Sie die Entwicklungen in einem Land, dessen Bundeskanzlerin die Migrationspolitik der EU entscheidend prägt?

Als Schweizer bin ich da natürlich zurückhaltend. Ich staune jedoch über das Ausmaß an Gehässigkeit und moralischer Verdammung des politischen Gegners in deutschen Foren und Talkshows. Und wieviel Bevormundung, ja sogar verfassungswidrige Netzsperren sich die Deutschen offenbar gefallen lassen. Ich schätze, ich wünsche allen Nationen, dass sie mehr wie die Schweiz wären: starker Föderalismus und direkte Demokratie mit Sachabstimmungen. Das nimmt viel Dampf aus dem Kessel und bändigt den Größenwahn der Politiker.

Hintergrund

Giuseppe Gracia, Jahrgang 1967 in St. Gallen als Sohn eines sizilianischen Vaters und einer spanischen Mutter geboren, ist Schriftsteller, Journalist und Kommunikationsberater. Seit 2011 ist er Beauftragter für Medien und Kommunikation im katholischen Bistum Chur. Er schreibt regelmäßig Beiträge in renommierten Medien. Seit 2018 ist er Kolumnist für die Schweizer Zeitung „Blick“. In seinem zeitkritischen Roman „Der Abschied“ (2017) setzt sich Gracia mit dem islamistischen Terror und den verfallenden Werten der westlichen Welt auseinander. In seinem gerade erschienenen Buch „Das therapeutische Kalifat“, zerlegt er die Auswüchse eines politischen Konsenszwangs klar und nachvollziehbar in ihre Einzelteile. Mutig skizziert er die Selbstauflösung des christlichen Abendlandes und plädiert für einen zivilen Ungehorsam und den Mut zum Widerspruch.


Quelle: https://www.die-tagespost.de/kultur/feuilleton/wie-kuscheltiere-unseres-schlechten-gewissens-art-193065

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