“Das Christentum zwischen Globalisierung und Totalverwertung”

(Domradio.de)

Autor Giuseppe Gracia über sein Buch “Der letzte Feind”

Über den Weg der katholischen Kirche in die Zukunft wird heftig diskutiert. In seinem Vatikanroman “Der letzte Feind” gelingt es dem Schweizer Autor Giuseppe Gracia, die verschiedenen Positionen in einem spannenden Krimi aufeinandertreffen zu lassen.

DOMRADIO.DE: Ihr Roman spiegelt die aktuelle, heftig geführte Diskussion in der Kirche wider. War das eine Motivation, diesen Roman so zu schreiben, die aktuellen Positionen mal ganz anders verständlich zu machen?

Giuseppe Gracia (Schriftsteller und Journalist, Autor des Vatikan-Thrillers “Der letzte Feind”): Ja, ich hatte schon sehr lange den Plan, einen Roman über das Christentum und die Kirche zu schreiben. Bislang habe ich über alle möglichen Themen geschrieben – über Liebe, über Migration, aber nicht über das Christentum. Ich war immer begeistert von dem Roman “Der Name der Rose” von Umberto Eco und habe immer bewundert, wie Eco das Genre eines Krimis und den Bildungsroman zusammenbringt.

Ich habe mir gedacht, das mache ich jetzt auch mit der katholischen Kirche, mit einem erfundenen Konzil in Rom, um da die aktuellen Debatten einzubringen. Also das Christentum zwischen Globalisierung und der konsumistischen Totalverwertung des Menschen.

DOMRADIO.DE: Die aktuellen Debatten betten sie in einen erfundenen Roman ein. Sie lassen zum Beispiel einen Kölner Erzbischof kräftig für liberale Reformen in der Kirche kämpfen. Kardinal Feuerbach, so heißt der in ihrem Buch, drängt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz auf eine Öffnung der Kirche. Dagegen setzt der Papst in Rom konservativ auf die Tradition der Kirche. Wie sind Sie darauf gekommen?

Gracia: Ja, da ist natürlich jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen nicht beabsichtigt ist. Das ist einfach wirklich Fiktion. Der Roman spielt in der nahen Zukunft. Das ist nach Papst Franziskus. Da gibt es dann einen Zwischen-Papst. Bei mir heißt der Papst Rochus, und dann kommt der neue Papst. Das ist dann Pius XIII. Die Figuren, die hier auftauchen, sind eigentlich alle Symbolfiguren.

Vor allem Kardinal Feuerbach und sein Gegenspieler Kardinal Settaviani in Rom. Ich würde sagen, Feuerbach ist so der Zeitgeist und das Normative. Er sagt, wir müssen aus der Zeit lernen und unsere Normen daraus ableiten. Settaviani auf der anderen Seite steht für die der katholischen Kirche. Das heißt, die Tradition ist normativ für das Leben. Das sind die beiden Pole.

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch geht es um ein erfundenes Drittes Vatikanischen Konzil, das über die Zukunft der Kirche entscheiden soll. Während der Vorbereitungen auf dieses Konzil kommen einige Geistliche in Rom ums Leben. Was macht das Konzil denn so brisant, dass es Mord und Totschlag gibt?

Gracia: Es gibt viele Kräfte außerhalb der Kirche und innerhalb, die glauben, dass der letzte Feind der Freiheit des Menschen die Religion ist. Die katholische Kirche insbesondere wird als globale Spaßbremse, sozusagen als globale Fortschrittsbremse verstanden. Die Gegner der Kirche wollen, dass die Kirche auf keinen Fall konservativ wird, sondern dass sie progressiver wird.

Man will die Kirche sozusagen durchlässig machen für die modernen Projekte: Globalisierung, Digitalisierung, Spaßgesellschaft. Da ist natürlich ein konservatives Lehramt im Weg.Dabei ist ein Konzil ein möglicher Ort, wo man meint, man könne Einfluss ausüben auf die zukünftige Richtung der Kirche, um sie geschmeidiger zu machen für die Moderne. Daher gibt es auch die heftigen Kämpfe, die dort entbrennen.

DOMRADIO.DE: Lebendig wird das Ganze durch zwei ganz unterschiedliche Charaktere. Da ist der Priester Rossi, ein idealistischer junger Geistlicher, ein echtes Vorbild. Und da ist sein atheistischer Jugendfreund Hank, das ist die eigentliche Hauptperson in ihrem Roman. Rossi ist durch einen angeblichen Unfall gestorben, aber Hank glaubt das nicht. Er ist überzeugt, dass Rossi ermordet wurde. Warum sollte Rossi aus dem Weg geräumt werden?

Gracia: Hank findet heraus, dass es hier eine Weltverschwörung gibt. Dabei geht um eine globale internationale Stiftungsgruppe mit sehr, sehr viel Geld, die vor allem in Afrika und Indien ganz bedenkliche Programme zur Optimierung der Menschheit durchführt. Die Kirche ist da im Weg. Es gibt dann einen Kampf gegen diese Stiftung und auch gegen den Papst. Eine Verschwörung eigentlich. Und da geht es dann richtig zur Sache. Aber wir wollen ja jetzt nicht allzu viel verraten.

DOMRADIO.DE: Wer hat denn am Ende die Oberhand? Ist es der Papst, der auf die Tradition der Kirche und das Evangelium setzt oder die humanistische Bewegung, die die katholische Kirche für fortschrittsfeindlich hält?

Gracia: Das ist eben eine Frage des Glaubens am Schluss. Die Stiftungsleute glauben, dass ein transnationales Wohlstandsparadies ohne Religion, vor allem ohne Christentum, möglich ist und wichtig ist für die Freiheit des Menschen. Die Leute des Glaubens im Roman glauben, dass das nicht möglich ist. Die glauben, eine Welt ohne Christentum ist nicht friedlich, sondern wird schrecklich sein. Sie verweisen auf das 20. Jahrhundert, den Kommunismus und den Nationalsozialismus. Zwei große Bewegungen, die das Christentum abschaffen wollten, und 150 Millionen Tote zur Folge hatten. Schon Tocqueville, der große französische Demokratiephilosoph, hat vor 200 Jahren gesagt: Der Despotismus kann auf Religion verzichten. Aber die Freiheit nicht.

DOMRADIO.DE: Ihr Roman heißt „Der letzte Feind“. Wer ist der letzte Feind?

Gracia: Jede Figur im Roman hat seinen eigenen letzten Feind. Für die progressiven Stiftungsleute ist der letzte Feind die Religion – die muss weg für die Freiheit des Menschen. Für Hank ist der Mörder seines Freundes der letzte Feind. Und für den Papst und für die Gläubigen ist es der Tod, also sozusagen die Todesmächte in der Welt, die da wirken, eben die Feinde des Lebens und der Liebe. Jeder hat seinen eigenen letzten Feind. Das hat mich auch sehr gereizt an diesem Projekt, dass es da nicht einen Feind gibt, sondern viele.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Information: “Der letzte Feind” von Autor Giuseppe Garcia ist im Fontis Verlag erschienen. Das Buch hat 255 Seiten und es kostet 18 Euro.


Quelle: https://www.domradio.de/themen/kultur/2020-10-24/das-christentum-zwischen-globalisierung-und-totalverwertung-autor-giuseppe-gracia-ueber-sein-buch

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