Je mehr du dich besitzt, desto freier bist du

Was uns Thomas von Aquin heute zu sagen hat (oder hätte)

Die Freiheit hat keine gute Presse. Stattdessen ist der Staat hoch im Kurs. Die grosse Frage lautet: zurück zum Stamm oder vorwärts in die offene Gesellschaft?

Von Giuseppe Gracia

In den westlichen Metropolen weht der Zeitgeist in die linke Richtung, mit grüner Fahne. Persönliche Freiheit und Selbstverantwortung gelten als Prinzipien der Vergangenheit. Nun ist die Rede von erzwungener Solidarität. Ob Klimakrise, Pandemiekrise, Demokratiekrise oder Geschlechtergerechtigkeit: Statt auf mündige Menschen setzt man lieber auf einen Staat als Vormund. Gesetze, Verbote, Quoten.

Aber eigentlich hatte die persönliche und politische Freiheit schon immer einen schweren Stand. Denn Freiheit ist kein Instinkt. Freiheit ist ein Wert, eine innere Haltung, das Ergebnis erfolgreicher Selbsterziehung. Eine Kultur der Mündigen und Selbständigen setzt Arbeit und Disziplin voraus – einen beharrlichen Willen zur Förderung der persönlichen Unabhängigkeit.

Wider die Natur

Das entspricht nicht dem menschlichen Instinkt. Rein anthropologisch gesehen sucht der Mensch nicht die Risiken der Freiheit auf der Wildbahn, wenn er nicht muss, sondern die Nestwärme, das Sicherheitsgefühl in der Horde. Der Mensch will behütet sein. Er will, dass jemand sich um ihn kümmert. Daher die anhaltende Anziehungskraft sozialistischer Modelle mit dem Versprechen, dass der Staat sich kümmert. Dass der Staat die Gefahren von Freiheit und menschlicher Willkür zu bannen vermag, kraft einer höheren Autorität.

Das ist der Grund, warum es in den USA eine Freiheitsstatue gibt, aber keine Statue für Herdentrieb und Quotenregelung. Niemand baut Statuen oder schreibt Grundsätze in die Verfassung für Dinge, die sowieso schon dem Instinkt entsprechen. Man baut Statuen und verfasst Grundsätze für Ideale und Vorbilder, die uns über den Naturzustand erheben, die uns im Sinn der Aufklärung motivieren, herauszutreten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Nestwärme und Herdentrieb kommen aus der Angst des Menschen vor den Risiken des Lebens. Diese Angst macht sich der Sozialismus zunutze. Der Sozialismus – wie auch immer er sich gerade nennt oder tarnt – setzt auf Zwang und Konformismus. In Anlehnung an die Religionskritik von Karl Marx könnte man sagen: Sozialismus ist das Opium der Ungläubigen. Genauer: das Opium der Ungläubigen in Bezug auf die Freiheit des Einzelnen.

Diese Ungläubigen suchen das Heil in einem Staat als Superinstanz, die alles lenkt, umverteilt, sanktioniert. Ein wenig wie bei einer langen, kollektiven Adoleszenz. Das passt zu manchen links-grünen Programmen, die so klingen, als kämen sie aus der Gedankenlandschaft von Jugendlichen, die im Heim ihrer wohlbestallten, kapitalistischen Eltern wohnen, wo sie alle Privilegien und Vorteile geniessen – und deshalb keine Hemmungen haben, anderen, weniger behüteten Mitmenschen Verzicht und Verbote aufzuerlegen. Jugendliche, die zugleich ihre erfolgreichen Eltern anklagen und verantwortlich machen für ein unmoralisches Leben. Statt auszuziehen und ein eigenes, besseres Heim zu bauen, ruft man dann folgerichtig nach neuen, besseren Eltern, das heisst: nach einem neuen, besseren Staat.

Die Aufgabe des Menschen

Im Gegensatz dazu ist die persönliche Unabhängigkeit eine Frucht der Bereitschaft, sich selber in die Pflicht zu nehmen. Eine Frucht der persönlichen Reife. Der katholische Philosoph und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225–1274) formuliert es so: Freiheit ist ein «steigender Selbstbesitz». Frei werden bedeutet, sich selber besitzen zu lernen. Um eines Tages so zu handeln, wie man es wirklich will und vernünftig findet, statt nur den eigenen Antrieben zwischen Angst und Lust zu folgen. Dabei besitzt sich der Mensch natürlich niemals ganz (denn das ist nach Thomas von Aquin allein Gott vorbehalten). Aber er arbeitet ein Leben lang an der Steigerung des Selbstbesitzes.

In der Auseinandersetzung mit dem heutigen Zeitgeist geht es also um zwei Menschenbilder. Auf der einen Seite steht der Mensch des steigenden Selbstbesitzes, der frei werden kann, um eine Kultur der Selbstverantwortung mitzutragen. Auf der anderen Seite der Staats-Mensch, der sich von Gesetzen und Verboten führen lassen muss. Das bedeutet eine Kultur des sinkenden Selbstbesitzes, bei gleichzeitig steigender Bedeutung des Kollektivs.

Um diese Auseinandersetzung geht es zurzeit in allen politisch relevanten Fragen. Eine Auseinandersetzung, der liberale Kräfte (oder solche, die sich so nennen) leider oft ausweichen. Die meisten Verbände und Parteien sind auf Schmusekurs mit dem Zeitgeist und verkünden einen homöopathisch verdünnten Sozialismus: neue Steuern fürs Klima statt Glaube an Forschung und Energie-Innovation. Chinesische Holzhammer-Lockdowns gegen die Pandemie statt Glaube an Versuch und Irrtum und Massnahmen-Kreativität.

Optimisten und Pessimisten

Der sozialistischen Kultur liegt grundsätzlich ein Freiheitspessimismus zugrunde. Die freiheitsfreundliche Kultur hingegen basiert auf dem Glauben an die persönliche Gestaltungskraft als Kraftquelle für ein Leben in der besten aller möglichen Welten – mitsamt den Risiken des Missbrauchs und des Scheiterns. Es geht um die Überzeugung, dass der Mensch des steigenden Selbstbesitzes mehr für die Gesellschaft leistet als der Staaten-Mensch kollektivistischer Prägung.

Der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich von Hayek hat in seinem Buch «Die Verfassung der Freiheit» das Credo für diese grundoptimistische Weltsicht formuliert: «Dass Freiheit missbraucht wird, ist kein Argument gegen sie. Unser Vertrauen auf die Freiheit beruht nicht auf den voraussehbaren Ereignissen in bestimmten Umständen, sondern auf dem Glauben, dass sie im Ganzen mehr Kräfte zum Guten als zum Schlechten auslösen wird.»

Im Jahr 2019, anlässlich des 50. Jahrestages der Mondlandung, erklärte der Schweizer Philosoph Michael Rüegg, dass die Eroberung des Weltraums ein Kampf zwischen Liberalismus und Sozialismus gewesen sei, zwischen persönlicher Freiheit und kollektivem Zwang. Derselbe Kampf wie heute um die Eroberung der Zukunft in einer lebenswerten, offenen Gesellschaft. Denn Rüegg hat recht, wenn er anfügt: «Angstfreie Forschung und offene Fehlerkultur haben sich im 20. Jahrhundert als Bedingungen zur Abwehr totalitärer Systeme erwiesen.» Dasselbe gilt auch für das 21. Jahrhundert – wenn die Angst dominiert, fallen wir zurück in ein Hordendenken, in die Kategorien von Stämmen, von denen wir uns Schutz versprechen.

Zahlreich sind jene, die den Liberalismus verächtlich machen. Doch nur wenn genügend Menschen die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit schätzen und leben, gibt es auch genügend kreativen Raum für Innovation und Fortschritt – im persönlichen wie im gesellschaftlichen Sinn. Freiheit und Selbstverantwortung sind nicht Prinzipien der Vergangenheit, sondern der Zukunft. Der Einzelne macht den Unterschied, nicht das Kollektiv.

Der Einzelne kann sich selbst besitzen, nicht das Kollektiv.

Giuseppe Gracia ist Schriftsteller, Publizist und Kommunikationsberater. Sein neuer Roman «Der letzte Feind» ist erschienen im Fontis-Verlag, Basel.


Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/steigender-selbstbesitz-und-kultur-der-freiheit-ld.1614502

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