Toxische Männlichkeit ist ein irreführender Begriff

(NZZ – Feuilleton – Mittwoch, 18. August 2021, Seite 30)

Toxische Männlichkeit ist ein irreführender Begriff

Es gilt zu unterscheiden zwischen Macho-Gehabe und Ritterlichkeit

Von Giuseppe Gracia

Kämpfen, bezwingen, beschützen – lange galt ein solches Verhalten als typisch männlich. Mit Friedrich Schiller: «Der Mann muss hinaus / Ins feindliche Leben. / Muss wirken und streben / Und pflanzen und schaffen, / Erlisten, erraffen, / Muss wetten und wagen / Das Glück zu erjagen.»

Die Handlungsaufforderung wirkt heute klischeehaft, wie aus dem Mund einer vergangenen Machogeneration, die nichts anfangen kann mit der autonomen, erfolgreichen Frau des 21. Jahrhunderts. Auch klassische Gentlemen-Eigenschaften der Nachkriegszeit, im Stil von Cary Grant oder James Stewart, wirken deplatziert, wenn sich Feministinnen selber in den Mantel helfen und ihre eigene Rechnung bezahlen. Ebenso hapert es mit der Beschützerrolle, seit Frauen wie Männer ins Krafttraining gehen und sich selber zu helfen wissen, notfalls mit der Polizei. Besser, wenn sich der feminismuskompatible Mann heute nicht mehr an Filmhelden wie John Wayne oder Bruce Willis orientiert. Allenfalls darf er noch dynamisch fotografierte Rammeleien und Schiessereien aus Hollywood geniessen, doch im realen Alltag sollte er maskuline Instinkte lieber unterdrücken.

Heute werden vielen Knaben bereits in der Grundschule Eroberungsdrang und Kampfeslust ausgetrieben. Nahezu alle Eigenschaften, die Schiller aufzählt, werden problematisiert oder pathologisiert. Im radikalen Feminismus wird der Mann sogar zum Hassobjekt, wie bei der 25-jährigen Französin Pauline Harmange. Diese hat ein Manifest mit dem Titel «Ich hasse Männer» («Moi les hommes, je les déteste») publiziert. Darin wird Männerhass als Akt der Emanzipation gepriesen, als Antwort auf sexistisches, patriarchales Gebaren.

Wohlverstanden: Es gibt gefährliche, toxische Männer. Und es gibt sie, gegen alle Fortschritte der Frauenbewegung, vermehrt auch in unseren Breitengraden. Allein in Deutschland wird gemäss Bundeskriminalamt zwei Mal pro Tag eine Frau Opfer von Gruppenvergewaltigungen. Noch höher liegt die Quote in Frankreich. Auch in der Schweiz gibt es Probleme mit Machogehabe und Gewalt gegen Frauen.

Schutz der Schwachen

Dennoch schafft die Diagnose «toxischer Männlichkeit» keine Abhilfe. Es ist falsch, Verachtung und Unterdrückung von Frauen mit maskulinem Verhalten an sich gleichzusetzen. Kampfeslust und Eroberungsdrang sind nicht grundsätzlich toxisch. Männer, die erlisten, erraffen und erjagen wollen, sind nicht automatisch Antifeministen. Und wer seinen Beschützerinstinkt auslebt, hat nicht zwingend das falsche Bild von der hilflosen, unselbständigen Frau im Kopf. Schlechte Männer sind nicht deswegen toxisch, weil sie zu maskulin auftreten und echte Kerle sein wollen, sondern weil sie sich weigern, gute statt schlechte Männer zu sein. Weil sie nicht gelernt haben, was das ist, ein guter Mann. Und sie werden es auch nicht lernen, wenn die Gesellschaft Maskulinität überhaupt zum Problem erklärt.

Richtet sich das Kampf- und Gewaltpotenzial eines Mannes gegen Schwächere und Wehrlose, gegen Kinder oder Frauen, ist es zweifellos schlecht und gehört bestraft. Dafür darf es keinen Platz geben. Ist ein Mann jedoch bereit, für den Schutz und die Verteidigung der Schwachen den Kampf aufzunehmen, auch auf das Risiko hin, selber verletzt zu werden, oder ist ein Mann bereit, seine Stärke und Kraft für das Wohl der Familie einzusetzen, dann handelt es sich nicht um schlechtes, sondern um gutes männliches Verhalten. Bei der Darstellung von Gewalt im Kino ist dies ebenfalls der wesentliche Unterschied zwischen Helden à la Batman und Bösewichtern à la Hannibal Lecter: Beide üben Gewalt aus, doch die einen im Dienst am schutzbedürftigen Leben, die anderen für eigene, böse Zwecke.

Männer müssen nicht ihre Natur verleugnen, um gute Männer zu werden. Naturwissenschaftlich gesehen sind die Geschlechter nun einmal verschieden. Evolutionsbiologen reden zum Beispiel von «egoistischen Genen», die den Mann auf maximalen Reproduktionserfolg programmieren. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2020 mit Hirnscans von knapp 1000 Männern und Frauen zeigt verhaltensbestimmende neurologische Unterschiede. Ebenso ist bekannt, dass Männer mit einer anderen genetischen Ausstattung ins Leben gehen. Statt eines zweiten X-Chromosoms haben sie für die Testosteronproduktion ein Y-Chromosom, weswegen Jungen mit einem anders organisierten und strukturierten Gehirn auf die Welt kommen.

Der deutsche Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht das Gehirn mit einem Orchester: «Was die Besetzung angeht, verfügen Männer und Frauen über die gleichen Instrumente. Aber die hormonelle Ausstattung bewirkt, dass bei den Männern mehr Pauken und Trompeten in der ersten Reihe sitzen, beim weiblichen Geschlecht sind auf diesen Plätzen eher die harmonietragenden Instrumente vertreten.»

Abgesehen von wissenschaftlichen Diskursen stellt sich die Frage, ob die Frauen heute weniger auf maskuline Männer stehen als früher. Bevorzugen sie nicht mehr den konkurrenzfähigen Mann der Tat? Den Mann, auf dessen Stärke sie sich verlassen können und der kein Problem hat mit emanzipierten Frauen? Männer, die sich ganz auf eine Partnerschaft einlassen können und ihre Power auch gern in ihren Dienst stellen?

Geht es darum, jungen Männern Vorbilder zu bieten, braucht es jedenfalls Role-Models ohne den Generalverdacht des Männlichen als Grundgefahr. Role- Models, die nicht zum Ziel haben, die angeblich toxische Natur des Mannes zu verändern, sondern die einen moralischen Kompass bieten. Role-Models, die das Kämpfen und Beschützen bejahen, wenn es dem Leben und der Gemeinschaft dient. Maskulinität soll also gefördert und kanalisiert werden statt verdrängt und pathologisiert.

Treu liebend

Dann könnten Role-Models neu sichtbar machen, was das ist, ein guter Mann. Sie könnten zeigen, dass ein guter Mann keine Frauen missbraucht, keine Kinder schlägt. Dass er im Gegenteil Frauenverachtung und Machismo bekämpft. Dass er keine Angst hat, sich an eine selbstbewusste Frau zu binden. Dass er auch dazu bereit ist, seine sexuelle Lust in eine treue Liebe hineinzulegen. Dass sich Freunde und Bekannte auf die Kraft eines solchen Mannes verlassen können und dass der Mann sich umgekehrt darauf verlassen kann, gebraucht und geschätzt zu werden. Nicht zuletzt geschätzt als Vater. Aus der Entwicklungspsychologie ist bekannt, dass Knaben zuerst von ihren Vätern lernen, was ein Mann ist, wie er sich benimmt. Während Mädchen vom Vater lernen, was sie von einem Mann erwarten können. Der Vater ist ein wichtiges Leitbild für die Kinder, die das Erlernte später nach draussen in die Gesellschaft tragen und mit darüber entscheiden, wie der männliche Held des Alltags für die kommende Generation aussieht. Mit den Worten von Bob Dylan: «Ein Held ist jemand, der die Verantwortung versteht, die ihm durch seine Freiheit zuteil wird.»


Giuseppe Gracia ist Schriftsteller, Publizist und Kommunikationsberater. Sein Roman «Der Tod ist ein Kommunist» ist im Basler Fontis-Verlag erschienen.

NZZ 18. August 2021, Seite 30

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