Der Trick mit der Utopie – der schlimmste Feind der guten Politik ist die perfekte Welt

(NZZ, 11. April 2022)

Wer sich für Liberalismus und Kapitalismus einsetzt, gilt schnell als böser Rechter. Dabei ist längst klar, dass kein anderer Weg zu Wohlstand und Freiheit führt. Ausser man bemüht die sogenannte Utopia-Methode.

Von Giuseppe Gracia

Linke Meinungsführer klagen die westliche Kultur seit Jahren als «systemisch ungerecht» an. Sie machen den Westen verantwortlich für Imperialismus, Rassismus, Sexismus und die Zerstörung des Klimas. Das Vorgehen hat Methode, und sucht man dafür einen Namen, liegt nahe, von der «Utopia-Methode» zu sprechen. Sie besteht darin, an die Wirklichkeit der abendländischen Welt einen falschen Massstab anzulegen. Nämlich den einer von Unrecht und Bosheit gereinigten Welt – gegen die auch die beste aller möglichen Realitäten verlieren muss.

Ob Fridays for Future, Gender-Mainstreaming, Antifa oder Black Lives Matter: Immer hat der Westen als Kultur weisser Täter herzuhalten. Er fungiert dabei als historischer Brutkasten von Frauenverachtung, Homophobie, Raubtierkapitalismus oder Faschismus. Natürlich stimmt es, dass es in Europa oder in den USA Rassisten und Sexisten gibt. Aber nur wer blind für den Rest der Weltgeschichte ist, kommt auf die Idee, die Ursachen dafür in der westlichen Kultur zu suchen.

Der Westen schneidet gut ab

Menschenrechte, Wohlstandsniveau oder Selbstbestimmung der Frau in arabischen Ländern? Machtpolitik und Klimasünden in China? Meinungsfreiheit in Russland? Wer mit der Utopia-Methode im Westen Stimmung gegen den Westen machen will, muss solche Realitäten ausblenden. Im Vergleich mit dem Rest der Welt, nach dem Massstab vorgefundener Wirklichkeiten, würde der Westen nämlich relativ gut abschneiden. Es würde sich zeigen: Jüdisch-christliche Werte, Liberalismus und Freihandel sind keine schlechten Grundlagen, um eine Gesellschaft zu gestalten.

Ein solcher Vergleich ist jedoch unerwünscht. Der real existierende Kapitalismus darf nicht einem real existierenden Sozialismus à la Nordkorea oder Venezuela gegenübergestellt werden, sondern nur einem theoretischen, irrealen Sozialismus. Je konsequenter die Anwendung der Utopia-Methode ist, desto länger werden die Anklageschriften gegenüber dem Westen.

Für selbstverständlich erachtete Errungenschaften

Echte Missstände einer liberalen Wirtschaftsordnung, etwa ausbeutende Arbeitgeber oder die Umwelt schädigende Konzerne, werden dazu missbraucht, den Liberalismus an sich zu verdammen – und dann nach einem «Systemwechsel» zu rufen. Unter den Teppich fallen dabei die historisch einmaligen Errungenschaften des Liberalismus, etwa die Wirkung der individuellen Freiheit auf Forschung, Fortschritt und Massenwohlstand. Unter den Teppich fällt auch die Frage, wie es um all diese Dinge in kommunistischen, autoritären und islamistischen Ländern bestellt ist.

Beim Kampf gegen Rassismus, Sexismus oder Homophobie schweigen die Aktivisten in Europa oder den USA über die Zustände in nichtwestlichen Ländern – wo dieser Kampf am nötigsten wäre. Genau wie bei der Klimapolitik vergleicht man westliche Umweltpolitik nicht mit der Realität in China, Indien oder Russland. Stattdessen fragt man: Wie lange dauert es, bis Europa und die USA emissionsfrei sind? Dabei dominiert die sogenannte «non human perspective».

Das bedeutet: Die Auswirkungen der Menschheit auf die Umwelt werden nach dem utopischen Ideal einer Umwelt ohne Menschen und ihre Maschinen beurteilt. Man kümmert sich nicht darum, wie viele Millionen Menschenleben seit Beginn der industriellen Revolution gerettet wurden. Es interessiert letztlich nur die Frage, ob wir nicht so leben können, als wären wir gar nicht da. Dahinter steckt der Traum eines unberührten Paradieses für Tier und Umwelt – ohne die Zumutungen realmenschlicher Zivilisation, die im Grunde verachtet wird.

Wo bleibt die Freiheit?

Die Utopia-Methode führt zu einer von der Realität abgekoppelten Moralisierung der Politik, zu einem quasireligiösen Politikverständnis, ähnlich wie beim Marxismus, der von der säkularisierten Heilshoffnung einer gerechten Menschheit ausgegangen war. Im Moment, aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, ist es zwar möglich, dass die Utopia-Methode auf der Bühne der Geopolitik an Einfluss verliert. Es ist möglich, dass ein neuer Realismus erwacht.

Dennoch dürfte das bei Themen jenseits der Ukraine nur wenig am öffentlichen Mainstream ändern. Im Gegenteil wird im Westen weiter Stimmung gemacht gegen Liberalismus, freie Märkte und das Konzept der Selbstverantwortung. Der Glaube an die Kraft der individuellen Freiheit scheint bereits derart verdunstet zu sein, dass sich viele Menschen nicht mehr an aufklärerischen Werten wie der Mündigkeit des Einzelnen orientieren. Sie setzen auf einen mit Experten ausgestatteten Nanny-Staat, der unserer Gesundheit managed, die Kollektivmoral bestimmt und unserer Gruppenidentität festlegt, nach Herkunft, Hautfarbe und Gender-Status.

Wohlgemerkt: Die Utopia-Methode ist nicht zu verwechseln mit gesellschaftlicher Selbstkritik, mit einem Engagement gegen Fehlentwicklungen oder Ungerechtigkeiten. Idealismus und kritische Geister braucht jede offene Gesellschaft, sie gehören zum Fundament des Westens. Zu ihnen ist die Utopia-Methode nicht zu rechnen, stellt sie doch ihre Ideologie über die Wirklichkeit – sei es die politische, historische, biologische oder anthropologische.

Entlarven, immer wieder

Es fragt sich, was liberale und bürgerliche Kräfte in dieser Stimmung des Freiheitspessimismus tun können. Bis jetzt fällt auf, dass es in grossen öffentlichen Foren nur wenig Widerstand gibt. Bürgerlich-liberale Akteure wie auch grosse Unternehmen wirken eher opportunistisch und suchen Zuflucht in nobler Zurückhaltung. Wie könnten sie öffentlich mehr Überzeugungskraft gewinnen? Vielleicht würde es helfen, konsequent die Utopia-Methode als argumentativen Taschenspielertrick zu entlarven, immer und immer wieder.

Politik darf nicht an Utopien gemessen und vom Standpunkt einer Wunschmenschheit aus verurteilt werden. Vielmehr muss Politik mit der potenziellen Grösse und den potenziellen Abgründen des realen Menschen rechnen und ihm bestmöglich dienen. Sie wäre, verstanden als nüchternes Handwerk im Machtspiel der Interessen, die Grundlage. Auf Leidenschaft und Engagement kann natürlich nicht verzichtet werden. Doch auch diese benötigen Bodenhaftung. Und es gehört zum demokratisch unerlässlichen Pragmatismus, mit der Politik nicht den Himmel auf Erden zu versprechen, wie es totalitäre Regime tun.

Winston Churchill sagte 1947, die Demokratie sei die schlechteste Staatsform –«abgesehen von allen anderen». Das ist ein brauchbarer Ansatz, um die Errungenschaften der westlichen Kultur zu verteidigen: Liberalismus und Kapitalismus sind die schlechtesten Systeme, um eine Gesellschaft zu gestalten, abgesehen von allen anderen. Der Angriff Russlands auf eine Ukraine, die das verstanden hat und sich demokratisch-freiheitlich emanzipieren will, ist Beweis dafür.


Giuseppe Gracia ist Schriftsteller und Kommunikationsberater. Das Thema dieses Beitrags erörtert er auch im Buch «Die Utopia-Methode» (Fontis-Verlag, 2022).

Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/utopie-sie-ist-der-schlimmste-feind-der-guten-politik-ld.1677918

Schreibe einen Kommentar