Eine grüne RAF gegen den Klimawandel: »Schwarzer Winter«

Liebe in Zeiten des Klimaterrorismus

Von Charlotte Kirchhof, Tichys Einblick, Mi, 26. April 2023

Der Thriller »Schwarzer Winter« von Guiseppe Gracia erzählt auf packende Weise von idealistischen jungen Menschen, die in den Sog radikaler Gruppierungen geraten. Auch Extremismus hat Ursachen und die führt der Autor auf spannende Weise vor.

Eine sich radikalisierende Extremistengruppe, die für den »Klimaschutz« alles tut: Zum Beispiel Straßenblockaden und Farbanschläge. Na, klingelt’s? Nein, es geht dieses Mal nicht um die »Letzte Generation«, sondern um eine fiktive Terrorgruppe namens »Schwarzer Winter«, von der Guiseppe Gracias neuester und gleichnamiger Roman handelt.

In diesem geht es aber um mehr als nur um Aufstände, Blockaden und Protestaktionen – die sehr viel radikaler sind als die der derzeitigen Extremistengruppen: Es geht auch um Liebe in Zeiten von Klimaterrorismus. Denn seit ihrer gemeinsamen Jugend ist Antonio Sala in Julia Schwarz verliebt. Die Julia, die eine Terrorgruppe gründet, die für den Klimaschutz und gegen »das System« kämpft. Julia wird zur international gesuchten Terroristin, Sala zu einem erfolgreichen Unternehmensberater. Doch seine Liebe zu Julia vergeht nicht.

In »Schwarzer Winter« schafft Gracia mit einem brillanten Schreibstil viele Facetten miteinzubringen: Vor allem zeigt er, dass Klimaextremisten – so radikal sie auch sein mögen – nicht zu pauschalisieren sind. Vielmehr macht er immer wieder auf die Ursachen und Hintergründe für das terroristische Handeln von »Schwarzer Winter« aufmerksam. So schreibt Gracia über Julia beispielsweise: »Julias Kindheit gilt als ›schwierig‹: Sie ist die alleinige Tochter des erfolgreichen Schweizer Bauunternehmers Gregor Schwarz und seiner depressiven, durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Ex-Frau.«
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In hin und wieder auftretenden Rückblenden schildert Gracia Geschehnisse aus Julias, aber auch aus Salas Kindheit und verdeutlicht dem Leser dadurch: Klimaextremist zu werden, kann das Ergebnis einer traumatisierenden Kindheit sein. So heißt es an einer Stelle im Roman: »Schon lange ist es her, denkt Julia, dass sie Nähe erlebt hat, schon lange ist sie allein und hat sich daran gewöhnt, dass sich niemand interessiert, dass es da draußen keinen Platz für sie gibt.« Eine Einsamkeit, die sie offenbar mit Terrorismus und Klimaaktivismus zu kompensieren versucht.

Andere Menschen, so wie Sala, lösen ihre Traumata anders: mit beruflichem Ehrgeiz, mit Alkoholsucht, mit Depression. Dadurch vermenschlicht Gracia die Klimaterroristen – entdämonisiert sie. Ein Blick in die Biographien der Extremisten erklärt deren Handeln und verdeutlicht, dass sie etwas suchen, das sie im Klimaaktivismus auch nicht finden werden. Das Zutun der Eltern von Extremisten beleuchtet Gracia ebenfalls, am Beispiel von Julias Vater: Dieser stellt an einer Stelle etwa fest, dass er Jahrzehnte lang nur gearbeitet habe: »Jahrzehnte, die eigentlich Julia gehört hätten.«

Außerdem beschreibt Gracia unterschwellig verschiedene Typen von Extremisten: Anführer, Mitläufer und jene, die in dem Protest ohne Impulskontrolle all ihren Hass auf die Menschheit auslassen – so wie das Mitglied von »Schwarzer Winter« Popoye. Es ist nicht so, dass Gracia dem Leser sagt, es sei richtig oder falsch, was diese Terrorgruppe tut: Der Leser versteht aber, warum die Extremisten sich so auf den »Klimaschutz« stürzen – was sie damit kompensieren. Etwas, das sich in der heutigen Zeit mit immer mehr auftretenden Gruppierungen wie der »Letzten Generation« und »Extinction Rebellion« viele Menschen fragen. Der Roman zeigt: Klimaextremisten fallen nicht vom Himmel.

Apropos: Gracias hochaktueller Roman weist Bezüge zu realen Organisationen wie »Extinction Rebellion«, Veranstaltungen wie dem G-20-Gipfel und Orten wie Hamburg, Zürich und Lausanne auf. So wird die Geschichte für den Leser noch greifbarer, noch realer.

Diese Bezüge zu Extremisten aus der Realität zeigen: Sobald »Fridays for Future«, »Extinction Rebellion« und »Letzte Generation« mit gewaltlosen Protesten keine Schlagzeilen mehr machen werden, könnte sich aus ihnen eine Terrorgruppe wie »Schwarzer Winter« bilden. Die wenden dann Gewalt an, um ihre Ziele zu verfolgen.

Gracia verdeutlicht in seinem Roman, wie wichtig die Berichterstattung der Medien für die Terrorgruppe »Schwarzer Winter« ist: Schlagzeilen zu bekommen steht über allem. Aber es ist auch eine unterschwellige Kritik an den Mainstream-Medien zu vernehmen: »Der redaktionelle Grundtenor geht eher dahin, dass man die extreme Aktion zwar verurteilt und feststellt: Jede Form von Gewalt ist falsch. Doch kaum ein Medium kritisiert die eigentlichen Anliegen von ›Schwarzer Winter‹, sondern man gibt ihnen viel Raum.« Wieder eine Parallele zum aktuellen Weltgeschehen.

Gracia macht das alles hervorragend: Auf eine fesselnde Art und Weise erzählt er die Hauptgeschichte, lässt aber nebenbei die anderen Perspektiven, unterschwellige Analysen und Rückblenden einfließen. Als Leser kann man sich kaum aus den spannenden Erzählsträngen lösen. Denn die Polizei und ein engagierter Privatdetektiv treiben Julia und ihre Terrorgruppe immer stärker in die Enge, während diese immer radikalere Anschläge gegen »das System« planen.

Sala möchte seine geliebte Julia retten. Ob er das schafft und sich die Liebe aus dem Sog des grünen Terrors befreien kann, darf der werte Leser selbst herausfinden.

Giuseppe Gracia, Schwarzer Winter. Thriller. Fontis Verlag, Klappenbroschur, 272 Seiten, 19,90 €.


Quelle: https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/buecher/eine-gruene-raf-gegen-den-klimawandel-schwarzer-winter/

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