«Der Tod ist ein Kommunist»

(Nebelspalter)

Noch nie war der Hofstetter entführt worden und hätte sich nicht träumen lassen, dass es eines Tages in einer Limousine weit über seiner Einkommensklasse geschehen würde, auf dem Rücksitz neben einer schönen Frau, die nach Parfüm roch (Zitrus in der Kopfnote, Holz in der Basisnote). «Wer sind Sie?»

von Giuseppe Gracia

Die Frau betrachtete ihn mit dem Schweigen ihrer grünen Augen, während sie hin- und her geschüttelt wurden, weil der Fahrer mit hoher Geschwindigkeit durch die Strassen Zürichs schoss und eine Tiefgarage ansteuerte.
Im Innern der Garage dann quietschende Reifen im Halbdunkel, und im Innern des Halbdunkels weiterhin das Parfüm der Unbekannten mit den grünen Augen, durchschnitten vom hereinflackernden, vorbeigleitenden Neonlicht der Tiefgarage.
«Bitte, ich bin total unwichtig!» rief Hofstetter. «Ich bin Journalist.»
Keine Antwort, nur ein Grunzen vom Fahrer vorne.
Man brachte Hofstetter in einen grossen, klimatisierten Raum und fesselte ihn an einen Bürostuhl.
Ein Mann mit graumelierten Haaren und randloser Brille, der im Raum gewartet hatte und sich neben die Frau mit den grünen Augen stellte, fragte ihn: «Wissen Sie, was los ist?»
«Was los ist? Ich bin gefesselt.»
Der Mann mit der Brille schien überrascht. Er runzelte die Stirn, während die Frau mit den grünen Augen zu Hofstetter kam.
Sie beugte sich zu ihm herab, ganz so, als wolle sie sich sein Gesicht einprägen, seine Augen, seine Stirn, seine Haare. Dann küsste sie ihn plötzlich – mit Lippen wie Rosenblätter.
Hofstetter begann zu zittern.
«Ich werde ihn lieben,» sagte die Frau. «Ich habe es gewusst, ich habe es von Anfang an gewusst.»
«Bitte,» keuchte Hofstetter, «das ist Folter.»
Der Mann mit der Brille schickte die Frau hinaus.
«Du kannst ihn nachher sehen, im Hotel,» sagte er.
Als die Frau weg war, erklärte der Mann: «Mein Name ist Brenner.»
«Gratuliere.»
«Ich werde Ihnen erklären, warum Sie hier sind,» erklärte Brennee. «Sie werden zuhören. Sie werden offen sein für die Möglichkeit, dass das, was Sie hören, wahr ist.»
Hofstetter nickte. «Ich werde offen sein wie nie.»
Brenner begann zu sprechen. Die Verschwörungstheorie, erklärte er, wonach es globale Mächte gebe, die verschiedene Pandemien sowie die Klimakrise dazu nutzten, um einen Umbau der sozialen und ökonomischen Grundlagen der Menschheit durchzuführen, sei keine Theorie, sondern eine Tatsache. Das werde dem einfachen Volk verschwiegen, denn dieses sei zu dumm und würde, wenn es die Wahrheit wüsste, nur Probleme machen, also den grossen Plan stören. Dieser grosse Plan allerdings, erklärte Brenner, sei nicht das Problem, denn auf der Welt habe es immer grosse Pläne gegeben, genauer gesagt: Es habe immer Reiche und Mächtige gegeben, die versucht hätten, der Menschheit ihren Stempel aufzudrücken. Diese Mächtigen seien zum Glück aber regelmässig gestorben, und so seien auch ihre Pläne gestorben, vom Winde in alle Himmelsrichtungen der Vergänglichkeit gestreut, so Brenner in einem Anflug von Poesie. Irgendwann beende der Tod nun einmal alles, meistens mitten unter der Woche. Grosse Pläne seien also nicht das Problem, so Brenner. Das wirkliche Problem bestehe in den Kollateralschäden des Grössenwahns. Während Pläne und Grössenwahn vergänglich seien, könnten die Kollateralschäden eine sehr langlebige Wirkung entfalten. Wirtschaftlicher Massenruin, Bürgerkrieg, ja die totale Auslöschung der Menschheit.
«Bisher alles klar?» wollte Brenner wissen.
«Ganz und gar nicht,» erwiderte Hofstetter.
«Gut», fuhr Brenner fort. «Das Problem ist, dass wir in wenigen Jahren eine verhängnisvolle Demokratie- und Freiheitskrise erleben werden, verschärft durch die Klimakrise.»
«Und das wissen Sie ganz sicher?»
«Todsicher. Verschiedene wirtschaftliche und politische Krisen führen zum Untergang der Menschheit, wie wir sie heute kennen.»
«Und das wissen Sie so genau, weil Sie – in die Zukunft sehen?»
«Ich bitte Sie.» Für einen Moment tanzte die Andeutung eines Schmunzelns um Brenners sachlichen, trockenen Mund. Dazu glänzte die randlose Brille. «Niemand kann in die Zukunft sehen.»
«Natürlich nicht.»
«Nein. Wir kommen aus der Zukunft. Aus dem Jahr 2075.»
«Ach so,» antwortete Hofstetter.


Quelle: https://www.nebelspalter.ch/der-tod-ist-ein-kommunist

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